Magistrat der Stadt Bebra
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Die wahrscheinlich jüngste 71-jährige, die es in Bebra gibt: Ilse Koch ist Stadträtin und Vorsitzende des Bebraer Seniorenausschusses. Dieser kümmert sich um die städitsche Seniorenarbeit und die Belange älterer Menschen, wenn es zum Beispiel um städtebauliche Maßnahmen geht.

Was macht eigentlich der Seniorenarbeit in Bebra und wer steckt dahinter?

Seniorenarbeit und Ilse Koch – auf den ersten Blick passt das so gut zusammen wie Schokoladensoße zu Bismarckhering. Denn die Bebraer Stadträtin scheint die Jugend gepachtet zu haben. Denn selbst, wenn sie ihren Ausweis vorzeigt, mag man ihr das Geburtsjahr 1943 nicht abnehmen.

Um sich zu versichern, dass Ilse Koch nicht doch 20 Jahre jünger ist, muss man einen Blick in ihren Lebenslauf werfen – der ist nämlich so ungewöhnlich, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Zunächst einmal ist Ilse Koch gar keine gebürtige Bebranerin! Ihre Eltern stammen aus Bebra und Weiterode, und die älteren Bebraer Einwohner können sich noch an den hochgewachsenen Auto-Ingenieur Koch erinnern,  den ersten Fahrlehrer, den es im ganzen Kreis Rotenburg gab.
Die junge Familie Koch hatte 1934 die Gelegenheit, in Frankfurt an der Oder eine Fahrschule zu übernehmen. Sie zogen an die polnische Grenze, dort wurde Ilse Koch geboren. Als sie zwei Jahre alt war, flüchtete die Familie vor den vorrückenden Truppen und ging zurück in die alte Heimat, nach Bebra. „Daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern, obwohl die Reise hierher eine ganze Woche gedauert hat“, sagt Ilse Koch. Während ihrer Schulausbildung in Bebra und Bad Hersfeld wurde klar: Ilse ist ein Sprachtalent – und Bebra war klein geworden für eine junge Frau, die die Welt erobern wollte.
„Der Weg führte mich nach Frankfurt. Gemeinsam mit einer Schulfreundin machte eine Ausbildung im technischen Dienst der Post. ,Knotenamt’ hieß das damals, und ich kann mich noch gut an die komplizierte Mechanik der ,Hebdrehwähler’ erinnern, die damals im Einsatz waren.“
Ihr erster Berufsabschluss hieß „Fernmeldeassistentin“ und aus der technisch begabten und sprachbegeisterten Ilse Koch wurde nach Abschluss der Lehre ein „Fräulein vom Amt“.
„Als ich im Auslandsfernmeldeamt tätig war, stöpselte ich doch tatsächlich einmal ein Gespräch zwischen Christine Kaufmann und Tony Curtis. Ich konnte tatsächlich alles mithören, was die beiden sich erzählten. Aber worum es ging, das weiß ich heute nicht mehr...“
Naja – ob Ilse Koch das wirklich nicht mehr weiß? Viel wahrscheinlicher ist nämlich, dass die Bebranerin viel zu diskret ist, um sich mit einer solchen Sensation in den Vordergrund zu drängen. Zudem unterliegt ein solches Gespräch dem Postgeheimnis, das gewahrt werden muss. Und das ehemalige „Fräulein vom Amt“ ist wahrhaftig nicht der Typ, sich mit einer solchen Sensation in den Vordergrund zu spielen. Ihr ungewöhnlicher Lebenslauf, über den sich andere ungläubig die Augen reiben, ist ihr nämlich viel zu selbstverständlich, und Aufhebens macht sie davon überhaupt keins.

Fremdsprache und Technik als Erfolgsrezept

Ilse Koch wusste, dass sie gut in Englisch ist – und auf Dauer ist das ewige Stöpseln von Telefonaten für sie kein befriedigender Lebensinhalt. Also beschließt sie, ihre Sprachkenntnisse auf einer Auslandskorrespondentenschule zu perfektionieren, um sich beruflich weiterzuentwickeln. „Ich wollte aber keine Dolmetscherin werden“, sagt sie. „Dazu wäre ich viel zu schüchtern gewesen.“
Durch Zufall erfuhr die junge Frau davon, dass die Deutsche Flugsicherung erstmals weibliche Fluglotsen einstellt. „Da habe ich gewusst: Das ist mein Ding!“ Sie bewarb sich und konnte mit ihren technischen Kenntnissen durch die Post-Ausbildung punkten. Dann aber ging die Paukerei erst richtig los. Für jeden Arbeitsplatz in der Flugsicherung musste sie eine Lizenz erwerben – und nach Abschluss ihrer Ausbildung war Ilse Koch nicht nur bundesweit die zweite weibliche Fluglotsin überhaupt, die auf die Frequenz durfte. Sie war auch die einzige, die in Frankfurt dafür sorgte, dass Piloten aus aller Herren Länder immer sicher durch die Korridore zur Landung kamen. Ilse Koch hatte sämtliche Lizenzen erworben und  durfte auf jedem Arbeitsplatz im Tower arbeiten. „Das war irre spannend“, erinnert sie sich heute. „So ein fantastischer Job. Man musste hoch konzentriert arbeiten, und die Konzentration auf den Punkt war etwas, das mir liegt. Und wenn die Caravelle oder eine Trident startete – das war jedesmal ein wunderbares Erlebnis!“

Leber nicht erlebt

Wie hoch die Anspannung an diesem Arbeitsplatz war, zeigt ein verrücktes Beispiel: Georg Leber, der damalige Bundesverkehrsminister, hatte davon erfahren, dass es in Frankfurt eine tüchtige Fluglotsin gab und stattete dem Tower einen Besuch ab. Leider aber, als Ilse Koch gerade voll im Einsatz war – und so stand der Bundesminister eine ganze Zeitlang hinter Ilse Koch und beobachtete sie bei ihrer Arbeit, ohne dass sie ihn überhaupt bemerkt hatte. Von dem hohen Besuch erfuhr die junge Frau dann erst, als  ihr oberster Dienstherr (nach dem das Vorfahrtschild seinen Spitznamen „Leberfleck“ erhalten hat) schon längst wieder verschwunden war.
In Frankfurt verliebte sie sich – und bekam 1968 ihre Tochter. „Das war ebenfalls eine tolle Zeit. Leider war es damals anders als heute, wo sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen. Als meine Mutterschutzzeit beendet war, waren leider auch meine Funklizenzen abgelaufen. Ich hätte die gesamte Ausbildung wiederholen müssen, um in den Job zurückzukommen – also musste ich etwas anderes unternehmen.“
Ilse Koch schaute sich um – und wurde „Sozialreferentin für Medikamente“; heute würde man „Pharmareferentin“ sagen. In diesem Job verschlug es sie nach Kempten, wo sie, inzwischen geschieden, ihren zweiten Mann kennenlernte. Wiederum gab es einen Wechsel – zunächst in eine große Naturheilpraxis, dann über die Sekretärinnenschule in das Vorstandssekretariat der weltweit bekannten Firma Hischmann. „Dort war ich dann Vorstandssekretärin von gleich zwei Direktoren“ sagt sie und muss über ihre verschlungenen Karrierewege selbst ein wenig lachen.
Leider hielt ihre Ehe nicht – dieser Umstand und die Tatsache, dass ihre Eltern ins Alter kamen, trugen dazu bei, dass Ilse Koch 1994 zurück nach Bebra kehrte.

Damit ist das „Kapitel ungewöhnliche Karrieren“ noch längst nicht beendet. Durch den Kontakt zu Dieter Mackenroth trat sie Mitte der1990er Jahre in die CDU ein. 2004 wurde sie in den Magistrat gewählt und ist seither ehrenamtliche Stadträtin – nicht, ohne zuvor den „Service für Haushalt und Familie“ gegründet zu haben.

Langeweile und Stillstand sind also wahrhaftig nicht das Ding von Ilse Koch. Seit 2007 ist sie Nachfolgerin der legendären AWO-Vorsitzenden Brigitte Mende im Amt der Seniorenbeiratsvorsitzenden ihrer Heimatstadt Bebra.
Die älteren Herrschaften dürften sich darüber sehr freuen – denn langweilig wird es mit einer so umtriebigen „Seniorenchefin“ wahrscheinlich niemals werden. Und jede Menge Gesprächsstoff bietet ja schon allein der wirklich ungewöhnliche Lebenslauf von Ilse Koch.