Magistrat der Stadt Bebra
Rathausmarkt 1, 36179 Bebra
Telefon: (0 66 22) 501-0, Telefax: (0 66 22) 501-200


Sprechzeiten

Montag - Freitag: von 08:00 - 12:00 Uhr
Montag: von 14:00 - 17:30 Uhr
Donnerstag: von 14:00 - 17:00 Uhr

 

 

Anschrift und Öffnungszeiten

  
  
                         Thumbnail image Der Bürgermeister informiert  

Kinder gehören zum Spielen auf die Straßen, auf die Spielplätze und Wiesen – und nicht in einen Luftschutzbunker. (Foto: Bundesarchiv, 1944)

"Lieber Hallo, mach doch auf..."

Ein Sofa stand in der Küche, eine Anrichte, zwei Stühle am Tisch und ein Holzherd. Die Wohnung meiner Oma im Weiteröder Rohrweg war einfach eingerichtet. Eine Zentralheizung gab es nicht. Ich erinnere mich noch gut an den Ölofen, der bei den Geburtstagsfeiern behagliche Wärme im Wohnzimmer verbreitete.

Ich sehe die Gäste noch vor mir, die um den Tisch herum saßen, und ich fühle die Gemütlichkeit der 1970er-Jahre. Ich war ein kleiner Junge, und was die Erwachsenen um mich herum erzählten, interessierte mich nicht besonders. Oft sprachen sie vom Krieg und dem, was sie erlebt hatten. Oder von denen, die nicht zurückgekehrt waren.

Wenn das Thema auf den Krieg kam, dauerte es nicht lange, bis einer am Tisch sagte: „Lieber Hallo...“. Dann wurde es sehr still im Raum. Die Erinnerung, die nach diesen beiden Worten durch das Zimmer schwebte, war so lebendig, dass man sie mit Händen hätte greifen können. Es war wie ein Codewort, und jeder wusste sofort, worum es ging. Um einen bestimmten Tag, eine einzige Sekunde – ein Ereignis in ihrem Leben, das sie nicht vergessen konnten.

Meine Oma, Anna Lorey, war eine junge Frau, als mein Opa Konrad in die Wehrmacht eingezogen wurde. Zwei Kinder, Georg und Elfriede, hatten sie, als „zurückgeschossen“ wurde. Im Dezember 1941 wurde mein Vater Erwin als drittes Kind in eine Welt geboren, die Kopf stand. Das war kurz nach Weihnachten. Für meine Großeltern war seine Geburt bestimmt wie ein Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zeit.

Mehr schlecht als recht kam die kleine Familie über die Runden. Der einzige Besitz war das eigene Haus im Rohrweg, direkt an der Kreuzung zum Mühlwiesenweg. Idyllisch, direkt an der Ulfe und unweit der Eisenbahnbrücke.
Es war am 4. Dezember 1944, der kleine Erwin war noch keine drei Jahre alt, als die Sirenen wieder einmal zu heulen begannen. Von Osten her näherten sich Flugzeuge. Über Dippach gingen 299 Bomber der 8. US-Luftflotte in den Angriffsflug. Ihr Ziel war Bebra. 100 von ihnen brachen den Angriff wegen der dichten Bewölkung ab.
Die verbleibenden Flugzeuge näherten sich der Stadt. Von 12:43 bis 12:56 Uhr warfen sie genau 1.863 Spreng- und 39.160 Stabbrandbomben ab. Der Bahnhof, damals der größte Eisenbahnknotenpunkt Europas, sollte dem Erdboden gleich gemacht werden. Der Angriff dauerte 13 Minuten.

„Geh in den Keller!“

Anna war zu dem Zeitpunkt, als die Bomben einschlugen, im Keller ihres Hauses. Als er eingezogen wurde, hatte Konrad sie beschworen, sofort nach unten zu gehen, wenn Flugzeuge in der Luft zu hören waren.
Georg, Elfriede und den kleinen Erwin hatte sie bei sich. Die drei hörten den Donner der Bomben, die ringsherum einschlugen. Anna zitterte vor dem Dröhnen der Flugzeugmotoren. Plötzlich ein ohrenbetäubender Schlag. Die Wände bebten, Putz löste sich, Steine und jede Menge Staub fielen von der Decke. Es knackte und prasselte und krachte. Der Lärm wollte nicht enden. Anna kam es ewig vor. Sie hatte Todesangst, drückte ihre Kinder fester an sich, beugte sich schützend über sie. Die Kinder schrien, sie weinten und suchten Schutz bei der jungen Frau.

Dann war es still. Anna versuchte, ihre Kinder zu beruhigen. Die drei klammerten sich an ihre Mutter. Erwin wimmerte. Anna wusste, was passiert war. Ihr Haus hatte einen Treffer bekommen. Ob noch etwas übrig geblieben war? In diesem Augenblick war ihr das egal. Die Kinder lebten. Sie lebte. Sie hatten einen Bombenangriff überlebt – aber würde die Kellerdecke die schwere Last tragen? Wie lange waren sie hier unten noch sicher? Der Ausgang war versperrt. Die Kinder begannen wieder zu weinen. Sie spürten die Angst ihrer Mutter.

Plötzlich hörten sie Rufe. „Hallo, Hallo, ist da wer?“ Eine Männerstimme drang von außen in das Kellergewölbe, in dem Anna, Georg, Elfriede und Erwin eingeschlossen waren. Wieder war es gedämpft zu hören. „Hallo!“

Der kleine Erwin blickte auf, schluchzte und rief: „Lieber Hallo, mach doch auf...!“

Alles in Trümmern

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis die Nachbarn sich zu dem Kellerraum vorgearbeitet hatten. Trümmer mussten beiseite geschafft werden. Steine wurden weggeräumt, kaputter Hausrat, Dachziegel, Balken. Endlich drang ein Lichtstrahl zu den Verschütteten. Das Loch wurde größer, und endlich war es groß genug, dass zuerst die Kinder, danach Anna ans Tageslicht gelangten.

Was muss die junge Mutter empfunden haben, als sie neben den Trümmern ihres Hauses stand? Des Ortes, der für sie immer Sicherheit, Geborgenheit und die Wärme ihrer Familie bedeutet hatte? Das Haus, in dem sie ihre Kinder zur Welt gebracht hatte, gab es nicht mehr. Es war bis auf die Grundmauern zerstört worden. Aber sie lebten...

Konrad war im Krieg. Er ahnte nichts von dem, was sich in seiner Heimat zugetragen hatte. Weit weg von seiner Familie, sehnte er sich zurück nach Weiterode, seiner Heimat, die er über alles liebte. Er war Maler, und so manches Schild in der Heimat trug seine Schrift. Während er sein Leben für den Führer riskierte, zogen seine Frau und seine Kinder nach Bebra, wo sie bei Verwandten unterkamen.

Anna und ihre Kinder hatten Glück im Unglück. 83 Menschen hatten den Bombenangriff nicht überlebt. In Bebra waren 64 Opfer zu beklagen, darunter zehn Wehrmachtsoldaten, ein italienischer Zivilarbeiter und zwei Kriegsgefangene. Drei Kirchen, 46 Wohnhäuser, eine Schule und zehn Scheunen lagen vollständig in Trümmern. Die Flammen schossen in den Himmel, die Feuer, die ausgebrochen waren, sah man viele Kilometer weit. Etwa 400 Wohnhäuser waren beschädigt. Im Bahnhof Bebra waren 19 Gleise unterbrochen, die Eilguthalle war fast komplett ausgebrannt. Das Feuer hatte auf einen Güterzug übergegriffen, der mit Munition beladen war. Er brannte lichterloh und explodierte. Die Lokwerkstatt wurde stark beschädigt.

Am Silvesterabend, als Anna und ihre drei Kinder in Bebra wohnten, heulten die Sirenen erneut. Wieder war ein Bomberverband auf dem Weg zu der Biberstadt. Diesmal wollten die Alliierten ihre Sache besser machen und den Bahnhof vollständig vernichten. Bebra hatte Glück. Das Wetter war so schlecht, dass der Angriff abgebrochen werden musste.

Hoffnung in hoffnungsloser Zeit

Anna Lorey war eine starke Frau. Nur kurze Zeit, nachdem sie nach Bebra gezogen war, machte sie sich wieder auf den Weg nach Weiterode. Gemeinsam mit Verwandten, Freunden und hilfsbereiten Nachbarn krempelte die junge Frau die Ärmel hoch. Noch während des Krieges baute sie aus den Steinen des zerbombten Hauses ein neues. Als Konrad aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, konnten sie einziehen.

All das wusste ich nicht, als ich als kleiner Junge im Haus meiner Oma feierte - dem Haus, das sie während des Krieges selbst gebaut hatte. Ich wunderte mich, dass die Großen so traurig wurden, wenn einer die Worte „Lieber Hallo...“ sagte. Und ich wusste nicht, warum sich meine starke Oma eine Träne verdrückte. Es war doch Geburtstag.

Sie haben den Krieg verflucht, alle, die sie damals um den Wohnzimmertisch in der guten Stube im Rohrweg saßen. Sie hätten alles dafür gegeben, dass ihre Kinder, Enkelkinder und alle weiteren Generationen keinen mehr Krieg erleben müssen. Heute leben nicht mehr viele von ihnen – auch der kleine Erwin, mein Vater, ist schon lange tot.

Was würde er wohl sagen, wenn er Abend für Abend im Fernsehen miterleben müsste, was die Welt in Syrien, Afghanistan, Irak, Nigeria, Somalia, in Pakistan, der Ukraine, auf dem Sinai, im Osten der Türkei und den vielen anderen ungenannten Orten zulässt? Er, der die Hilfsbereitschaft der Bebraner in der höchsten Not am eigenen Leib erfahren hat?

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes, friedliches und gesegnetes Weihnachtsfest. Möge es endlich Frieden werden auf der Welt. Ach ja, eins noch: Falls der liebe Hallo noch lebt und das hier liest: 1000 Dank!